Günter Lüdecke stemmt hier beim Kniebeugen 90 Kilo. In Wettkämpfen hat er schon mehr als 200 Kilo geschafft. Foto: Elisa Sowieja VOLKSSTIMME

Günter Lüdecke stemmt hier beim Kniebeugen 90 Kilo. In Wettkämpfen hat er schon mehr als 200 Kilo geschafft. Foto: Elisa Sowieja VOLKSSTIMME

90 Kilo aus der Hocke hochwuchten? Pillepalle. Günter Lüdecke hat auch schon doppelt so viel geschafft. Das Problem sind seine Gesichtszüge. Während die sich normalerweise voll und ganz auf den Kampf mit der Langhantel konzentrieren dürfen, sollen sie heute, bei der Fotosession für die Zeitung, doch bitte ein möglichst freundliches Gesicht formen. Wünscht die Reporterin mit ihrer 500-Gramm-Kamera. Nun könnte sich Lüdecke die Aufgabe erleichtern und an jeder Seite eine 15-Kilo-Scheibe abschrauben. Macht er aber nicht. „Man sieht die Gewichte doch auf dem Foto, oder? Das müssen schon 90 Kilo sein.“ Lieber noch ein Versuch. Der dritte. Und siehe da: Er lächelt.

Ganz schön eifrig für einen 68-Jährigen. Ohne diese Einstellung hätte er es wohl auch kaum zum Weltmeister gebracht. 2008 in Kalifornien wurde er Erster unter den Senioren im Kraftdreikampf – einer Kombination aus drei Arten, eine Langhantel hochzuheben. Er hätte es wohl auch nicht geschafft, dieses Jahr als mit Abstand ältester WM-Teilnehmer nochmal Dritter zu werden. Und: Ohne Lüdeckes Eifer hätte Klötze wohl keine Bundesligamannschaft.

Gewichtheben mit Zahnrädern vom Schrott

Der Altmärker hat dort vor 35 Jahren die Sparte Kraftsport gegründet und seitdem ihre Gewichtheber zu beachtlichen Erfolgen geführt: Seit 15 Jahren spielen die Herren des VfB Klötze in der ersten Liga. Zweimal waren sie schon deutscher Mannschaftsmeister, einer aus dem Team ist gerade Europameister geworden. Auch der Nachwuchs sammelt fleißig Titel. Lüdecke trainiert alle drei Mannschaften der Sparte. Außerdem kümmert er sich um Wettkampf-Anmeldungen und richtet die Heimrunden der Bundesliga aus. Alles ehrenamtlich, versteht sich.

Für seinen Einsatz hat das Innen- und Sportministerium mit einer Ehrung danke gesagt – stellvertretend für die mehr als 11.000 ehrenamtlichen Übungsleiter und all die anderen Helfer in den gut 3100 Sportvereinen im Land. Die Auszeichnung gibt es seit vier Jahren. Jeder der 14 Kreis- und Stadtsportbünde durfte einen Freiwilligen nominieren. Hinzu kamen sechs Auszeichnungen für Sportler, die Besonderes geleistet haben.

Für Lüdecke gehörte es schon vor gut 50 Jahren zum Sport dazu, andere zu trainieren. Während seiner Schlosserlehre war er im Kalbenser Radverein, nebenbei machte er aber schon Kraftsport. „Zum Üben hatte ich mir eine Langhantel gebaut – aus Zahnrädern vom Schrottplatz und einer Kutschwagen-Achse“, erzählt er lachend. So kam sein Trainer auf die Idee, ihm im Winter für den Klötzer Teil des Teams das Krafttraining zu übertragen.

Bei der Armee begann Lüdecke dann, an Meisterschaften teilzunehmen, damals noch in Ausdauer-Disziplinen wie Klimmziehen. Er hielt sogar mal einen Armeerekord. Als das Kraftpaket zurück war, bat man Lüdecke, Lehrlinge an der Berufsbildenden Schule in Klötze zu trainieren. „Da kamen schnell 30, 40 Leute zusammen, auch Frauen.“ Wie er sich den Zulauf erklärt? „Es gab ja damals keine Fitnessstudios!“

Viermal pro Woche wird trainiert

Anfang der 80er Jahre wurde aus der Truppe ein offizieller Verein. Lüdecke zögerte erst, die Leitung zu übernehmen: „Das war eine große Verpflichtung. Und ich bin nun mal nicht der Typ, der etwas anfängt und es dann wieder fallen lässt.“

Wie ernst der 68-Jährige diese Verpflichtung noch heute nimmt, merkt man, wenn man ihn auf den Trainerruhestand anspricht. „Ich kann die Mannschaften doch nicht einfach aufgeben“, sagt er wie selbstverständlich. Sicherlich sei er nicht der einzige Trainer in der Sparte, da gebe es noch zwei Übungsleiter, die ihn unterstützen. „Aber ich weiß noch nicht den Richtigen, der das Ganze genauso intensiv weiterführt.“

Und so steht Lüdecke nach wie vor viermal pro Woche im kleinen Vereinskraftraum, um an der Haltung seiner Schützlinge zu arbeiten – meist im wörtlichen Sinne, aber manchmal, wenn die Motivation spazierengeht, auch im übertragenen. Parallel trainiert er für eigene Wettkämpfe. Damit sein Stoffwechsel in Schuss bleibt, geht der 68-Jährige außerdem einmal pro Woche Radfahren. Und ganz nebenbei arbeitet er auch noch, betreut halbtags eine Biogasanlage. „Das funktioniert aber nur, weil mein Arbeitgeber viel Rücksicht nimmt“, erzählt er. Auch ohne das Verständnis seiner Frau, schiebt er sofort hinterher, würde das alles nicht gehen.

Günter Lüdecke kann nicht anders. Aber eigentlich will er auch gar nicht anders: „Wenn die Jungs erfolgreich sind, dann hab ich doch genauso Spaß wie sie.“

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